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Gefühle sind nichts für Weicheier

Okay, die Überschrift ist jetzt vielleicht ein bisschen provokativ. Aber das soll es auch sein. Um mal gegenzusteuern, gegen diese weit verbreitete Haltung, die viele Leute Gefühlen gegenüber haben und die uns ja auch von klein auf eingetrichtert werden:

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „Ist doch nicht so schlimm“, „Das wird schon wieder“, „Du musst doch nicht weinen“, „Du brauchst keine Angst zu haben“… Wir werden dazu gebracht zu denken, dass Gefühle nicht okay sind.

Kennst du diese Sätze?

Viele von uns sind in einem Umfeld groß geworden, in dem Gefühle keinen großen Raum hatten. Unsere Gefühle wurden und werden uns teilweise immer noch als Kind geradezu abtrainiert. Was aber ja nicht bedeutet, dass die Gefühle wirklich weg sind. Wir können sie nur nicht mehr richtig spüren. Wie weit das geht ist sehr individuell. Von Gefühlsverwirrung bis hin zu völliger Gefühlsstarre ist alles dabei.

Ich selbst habe es so erlebt, dass ich mich durchaus gefühlt habe, nur konnte ich mit diesen Gefühlen nicht umgehen. Ich habe es schlichtweg nicht gelernt. Und ich fühlte mich damit alleine gelassen. Nicht verstanden. Wusste nicht, wohin damit. Ich war außerdem verwirrt, weil ich häufig Dinge wahrnahm, die so aber nicht ausgesprochen wurden. Also das, was ich fühlen konnte, stimmte nicht mit dem überein, was ich gehört habe. Es ist nicht verwunderlich, wenn ein Kind sich dabei verliert und an sich zweifelt.

Ab in den Kopf!

In so einem Fall flüchtet man am besten in den Verstand. Der ist überschaubar, verfolgt eine gewisse Logik. Man erlebt nicht so viele Überraschungen. Das gibt Sicherheit und das Gefühl, die Kontrolle zu haben. Das habe ich auch probiert. Aber irgendwann kam der Punkt, an dem die Emotionen mich dann doch eingeholt haben. Ich hatte gar nicht die Wahl, ob ich mich jetzt damit beschäftigen möchte oder nicht. Alles, was sich in den ersten 18 Jahren meines Lebens angesammelt hatte, kam dann raus. Leider hatte ich keinen Ausschalter gefunden und so blieb mir nichts anderes übrig, als dadurch zu gehen. Von daher kann ich gar nicht von mir behaupten, dass ich so wahnsinnig mutig gewesen bin, mich all meinen Themen und Schattenseiten zu stellen. Es hat sich eher so ergeben. Aber ich habe es auch irgendwann herausgefordert, weil ich gemerkt habe, wie schön es ist, das Wesen dahinter zu entdecken. Mit jedem Prozess, durch den ich gegangen bin, wurde ich wieder ein Stück leichter, ein Stück mehr ich, habe mich mehr entdeckt und bin so auch immer mehr in die Selbstliebe gekommen.

Ich kann meinen Weg in drei Etappen einteilen.

  1. Die Flutphase, in der einfach alles nur rauskam und mich überrannte
  2. Die Befreiungsphase, in der ich gelernt habe, meine Gefühle zu entschlüsseln und mich mit den dahinter liegenden Bedürfnissen zu verbinden.
  3. Die Fürsorgephase, in der ich gelernt habe, auch in schwierigen Momenten bei mir zu bleiben und mein Erwachsenes Ich aufrecht zu erhalten.

Letzteres ist definitiv die angenehmste Phase, weil ich so diese emotionalen Prozesse, die uns ja unser ganzes Leben lang begleiten, ziemlich gelassen annehmen kann. Ich würde empfehlen, mit diesem Schritt anzufangen (Arbeit mit dem inneren Kind/mit inneren Anteilen, Selbstliebe, Meditation, um Distanzierung von den Gefühlen zu lernen). Leider habe ich es damals nicht besser gewusst. Es gab noch kein Internet und viel weniger Informationen standen zur Verfügung. Ich musste mir mein Wissen mühsam erarbeiten.

Okay, aber was hat das jetzt mit den „Weicheiern“ zu tun?

Auf meinem Weg habe ich natürlich nicht nur positive Resonanz auf meinen Umgang mit den Dingen erhalten. Von „man muss die Vergangenheit doch auch mal ruhen lassen“ über völliges Unverständnis für meine Empfindungen bis hin zu „es werden noch ganz andere schlimme Sachen im Leben passieren“ war alles dabei.
Immer wieder wurde mir das Gefühl gegeben, dass meine Gefühle nicht in Ordnung sind. Das ich nicht in Ordnung bin mit meinen Gefühlen. Und ich habe es geglaubt. Fand mich ja selbst oft anstrengend. Aber das alles hat es nicht besser gemacht, hat mir nicht geholfen. Es war nicht möglich, einfach mal auf Knopfdruck anders zu fühlen. Heute würde ich sagen, wenn die mir nahestehenden Menschen in der Lage gewesen wären, ihren eigenen Schmerz auszuhalten, dann hätte sie auch mit meinem Schmerz umgehen können. Dann wäre es möglich gewesen, zu helfen oder da zu sein, anstatt es wegreden zu wollen oder zu ignorieren. Und hier kommen die „Weicheier“ ins Spiel.

Wie gut kannst du dich fühlen?

Den Schmerz anzuschauen, und Gefühle wirklich zuzulassen, das tut weh. Das bedarf einer gewissen inneren Stärke. Wer sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, wird mit vielen Gefühlen konfrontiert werden, die nicht so schön sind. Ich stelle die Behauptung auf, dass die Leute, die Gefühle verweigern, Angst haben, sich ihren eigenen Gefühlen zu stellen. Es erfordert großen Mut, sich mit seinen alten Themen auseinanderzusetzen und den alten Schmerz noch mal zu spüren, damit er irgendwann endgültig gehen kann.

Meiner Erfahrung nach sind es die Menschen, die sich mit ihren Gefühlen und auch mit ihren Verletzungen aus der Vergangenheit auseinandersetzen, die diese auch nach außen zeigen können (Oder eben die, die sich ihre Gefühle erhalten durften, soll es ja auch geben.). Und es sind offenbar die, die sich nicht damit auseinandersetzen, die damit nicht umgehen können. Ist ja auch logisch. Wenn ich meinen eigenen Schmerz nicht aushalten kann oder nicht spüren will, dann kann ich auch nicht mit den Gefühlen anderer Menschen umgehen. Sonst würde mein eigener Kram angetickt werden und ans Licht kommen.

Es ist also das Vermeiden des eigenen Schmerzes, das dazu führt, dass die Gefühlsmenschen als schwach und irgendwie nicht okay dargestellt werden.

Für mich ist es ein Zeichen von Stärke, mit den Gefühlen im Kontakt zu sein, sie zu fühlen und manchmal auch auszuhalten. Sich damit zu zeigen erst recht, weil man ja permanent Gefahr läuft, dafür schräg angeguckt zu werden. „Die wieder“, Augenrollen, „was du immer hast.“

„Was ich habe? Gefühle habe ich. Ich spüre, wenn etwas nicht okay ist für mich. Ich nehme den Schmerz wahr, der durch Unachtsamkeit geschieht. Und ich spreche es aus, ja verdammt. Ich halte meinen Mund nicht. Ich würde platzen, wenn ich das machen müsste. Und ich sehe es auch nicht ein. Warum soll ich unwahrhaftig sein? Damit du dein falsches Spiel weiter spielen kannst? Damit du es dir in deinem Verdrängungssessel bequem machen kannst? Nix da. Mühsam habe ich mir meine Gefühlswelt wieder erschlossen. Habe gelernt sie zu benennen. Und vor allem zu verstehen. Die Zeit ist reif für Gefühle.“

So in etwa habe ich in der 2. Phase empfunden 🙂 das Raushauen hat übrigens nur bedingt was gebracht. Es fühlte sich besser an als zu schweigen. Aber es hat sich dadurch kaum was verändert.

Und um nicht überheblich zu klingen: Mir ist klar, dass die Menschen, die damit nicht umgehen können, es aufgrund ihrer eigenen Geschichte nicht können. Sie haben nicht gelernt, damit umzugehen. Und teilweise stecken schlimme Traumata dahinter. Da ist es nicht so einfach möglich, Gefühle zuzulassen. Ich mag nicht darüber urteilen, wie ein anderer Mensch mit sich und seinen Gefühlen umgeht. Ich denke, jeder darf für sich selbst entscheiden, wie weit er sich seinem Schmerz in diesem Leben stellen möchte.

Was ich mir aber wirklich wünsche, ist ein bewusster und achtsamer Umgang damit. Wer sich seiner persönlichen Grenzen bewusst ist, projiziert es nicht auf andere. Dann dürfen einfach beide da sein, so wie sie sind. Es wäre schön, wenn diese Toleranz von beiden Seiten gegeben wäre.

Verantwortung da lassen, wo sie hingehört

Was es manchmal zu recht etwas schwierig macht, mit Gefühlsausbrüchen umzugehen ist, dass sich in unsere aktuellen Empfindungen gerne die alten Verletzungen mit ihren dazugehörigen Emotionen einmischen. Da sagt jemand was und trifft damit auf eine alte Wunde und schwupps, überrollt dich ein alter Schmerz, den du bisher nicht verarbeiten konntest. Was in so einer Situation schnell passiert ist, dass wir dem anderen die Schuld an unseren Gefühlen geben. Das ist natürlich auch nicht richtig. Hier ist die Eigenverantwortung gefragt.
Und hier setzt die dritte Phase ein. Wenn ich in der Lage bin, für mich zu sorgen und die Verantwortung für mich zu übernehmen, dann bin ich in der Lage, mich so mitzuteilen, das mein Gegenüber mich auch hören kann. Dann spreche ich nicht aus der Bedürftigkeit, sondern, aus meinem erwachsenen Ich. Das macht vieles leichter. Aber wir sind nun mal nicht immer so weit. Das ist der kniffelige Punkt.
Ich kann verstehen, wenn in so einem Moment mit Abwehr reagiert wird, weil die Gefühle oder Emotionen (alte, verdrängte Gefühle) in dieser Heftigkeit oft nicht angebracht sind. Das macht es sehr leicht, sich davon abzugrenzen und sich nicht weiter damit auseinandersetzen zu wollen. Doch auch, wenn die Intensität vielleicht nicht angebracht ist, ist es doch immer auch ein Hilferuf, sich mit diesen Gefühlen zu zeigen und darüber reden zu wollen. Diese Gefühle kommen ja nicht aus dem Nichts. Irgendwas daran gehört auch in die aktuelle Situation. Schön wäre es daher, wenn es gelingen würde, die Gefühle nicht weg machen zu wollen und nicht abzuwehren. Einfach da zu bleiben und die Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört. Für die eigenen Gefühle ist jeder selbst verantwortlich. Wenn das beide Seiten verinnerlicht haben, dann können Empfindungen einfacher ausgesprochen werden. Auch als „Verursacher“ kann ich dem anderen dann seine Gefühle lassen und muss mich nicht dagegen wehren oder davon abgrenzen.

Gefühle sind menschlich

Das Fühlen macht unser Menschsein aus. Es ist Ausdruck der Seele und zeigt auch etwas über die Erfüllung unserer Bedürfnisse an. Wer sich nicht fühlt, ist damit nicht im Kontakt. Ist mit sich selbst nicht tim Kontakt. Und wenn das unbewusst gelebt wird, entstehen daraus leider sehr viele Verletzungen. Denn wer sich nicht spürt, der hat auch kein gutes Gespür für seine Mitmenschen.
Gerade für Kinder ist es sehr, sehr schmerzhaft, in so einem Umfeld groß zu werden. Selbst, wenn ansonsten augenscheinlich alles okay ist. Das Schwierige ist ja, diese innere Leere, diese Verwirrtheit und den Schmerz der Isolation, den man so als Kind erlebt, einordnen zu können. Es gibt keinen Vergleich, man hat nicht ein paar Jahre was anderes gehabt und dann fehlt da auf einmal emotionales Aufgehoben sein. Man wächst einfach von klein auf in einer nicht greifbaren Kälte auf und spürt, das irgendwas nicht richtig ist. Nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Und aus dem kindlichen Sein heraus wird das dann auf sich selbst gerichtet. Mit mir stimmt was nicht. Eine Verdrehung, die nur mühsam wieder aufgedeckt wird, wenn man sich irgendwann seinem inneren Erleben zuwendet.

Warum macht es Sinn, sich seine Gefühle wieder zu erschließen?

Nachdem ich die Gefühlswelt jetzt sehr ausgiebig mit den schmerzhaften Dingen in Zusammenhang gebracht habe (die vielleicht auch gar nicht für jeden so dramatisch sind), möchte ich noch mal ein paar Worte darüber verlieren, warum das mit dem Fühlen überhaupt so wichtig ist.

Fühlen funktioniert sozusagen in zwei Richtungen. Ich kann nicht nur die schönen Dinge fühlen. Wir leben in einer Welt der Gegensätze. Erst das Licht erzeugt Schatten und nur wer die Dunkelheit kennt, erkennt auch den Tag. In dem Maße, wie ich Freude, Zufriedenheit und Erfüllung auf der Gefühlsskala nach oben fühle, breitet sich eben auch meine Gefühlsskala nach unten aus. Man fühlt also das gesamte Gefühlsspektrum.

Das Schöne ist, wenn du mit deiner Vergangenheit aufgeräumt hat, alte Verletzungen losgelassen hast, wenn du gelernt hast, dass Gefühle vorbeiziehen und du nicht dein Gefühle bist, sondern nur das Wesen, dass diese Gefühle wahrnimmt, dann brauchst du auch keine Angst vor den unangenehmen Gefühlen zu haben. Diese sind nur solange wir versuchen, sie wegzudrängen und nicht dahaben zu wollen, bedrohlich. Wenn wir uns dagegen wehren und sie dadurch erst wirklich an uns binden.

Gefühle zuzulassen schafft Verbindung

Gefühle sind die Farben deiner SeeleFühlen ist erfüllend. Gefühle machen das Leben bunt. Sie lassen es intensiv werden. Da eröffnen sich ganz neue Welten im eigenen Selbst. Wer fühlt ist in einer tiefen Verbindung mit seinem innersten Wesen und so ist auch eine Verbindung mit anderen Menschen möglich. Sehnt sich nicht jeder tief in seinem Inneren nach dieser Verbindung mit anderen Menschen? Die Fähigkeit zu fühlen öffnet diesen Weg.

Mittlerweile kann ich übrigens auch mal meinen Mund halten 🙂 Ich muss es nicht immer aussprechen, wenn mich was bewegt. Weil ich gelernt habe, für mich selbst da zu sein und die Dinge mit mir selbst auszumachen. Aber was mal klar ist: Wenn man sich mit seinen Empfindungen nicht zeigen kann, weil der andere nicht in der Lage ist, damit umzugehen, dann ist es auch nicht möglich, wirklich in den Kontakt zu gehen. Es bleibt immer etwas zwischeneinander stehen. Eine unsichtbare Mauer. Das ist so schade, denn das Ansprechen solcher Dinge kommt ja gerade bei nahestehenden Personen häufig aus dem Wunsch nach Authentizität und nach Verbindung. Zwei Bedürfnisse, gegen die nichts einzuwenden ist. Die eine wirkliche Begegnung zwischen zwei Menschen ermöglichen.

Ich finde, wir sollten dringend unsere Gefühlskompetenz schulen. Am besten schon von klein auf, damit diese ganze Verwirrung gar nicht erst entsteht.

Die für mich wichtigen Punkte in Bezug auf das Fühlen

  • Den inneren erwachsenen Anteil bewusst wahrnehmen und stärken
  • und sich so ein Stück weit von den Emotionen distanzieren können
  • Sich selbst Liebe zukommen lassen
  • Gefühle spüren und erkennen, Bedürfnisse dahinter verstehen
  • Lernen bei sich zu bleiben
  • Verantwortung für die eigene Gefühle und Bedürfnisse übernehmen
  • Auch unangenehme Gefühle zulassen
  • Sich an diesem neuen, intensiven Erleben erfreuen

Hast Du Ergänzungen? Schreib sie mir gerne in den Kommentaren.

Wenn Du Lust hast, deine Gefühle ein zu erforschen, dann ist die Empathiegruppe vielleicht etwas für dich. Mehr Infos dazu findest du hier >

Wenn dir der Artikel gefallen hat, freue ich mich, wenn du ihn teilst.

2 Kommentare

  1. Liebe Bela,
    das ist ein sehr schöner Beitrag!
    Sich seinen Gefühlen „zu stellen“ und sie zuzulassen ist nicht immer ganz einfach und deshalb verdrängen sie die meisten lieber. Dabei sind sie unter internes Navigationssystem und leiten uns durchs Leben. Es ist also unglaublich wichtig auf sie zu hören! Dank für den Beitrag! <3

    • Bela Janine Höfer

      Liebe Marina, vielen Dank für die Rückmeldung. Ich freue mich immer sehr über Menschen, die das auch so sehen 🙂 Wir dürfen noch viel mehr werden. Ich weiß, dass es oft nicht leicht ist, aber es lohnt sich so sehr. Für das eigene Leben, die Mitmenschen und vor allem für die Kinder <3 Alles Liebe, Bela

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