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Von der Bedürftigkeit zum (erfüllten) Bedürfnis

Kennst du solche Sätze wie „Sei doch nicht immer so ängstlich.“ „Du brauchst immer so viel Aufmerksamkeit (Annerkennung, Nähe…). Oder so was wie „Du bist immer so empfindlich.“ Hinter all dem steckt ja die unausgesprochene Message: Du brauchst hier mehr als der „normale“ Mensch. Du bist bedürftig. Du bist irgendwie nicht okay so.

Wie fühlst du dich damit, wenn man dir so etwa sagt? Rebellierst du innerlich oder äußerlich? Wehrst du dich dagegen? Oder denkst du vielleicht sogar, ja, er/sie hat recht?

Haben wir alle die selben Bedürfnisse?

Mein bisheriges Bild war, dass wir alle die selben Bedürfnisse haben – aber in unterschiedlichen Ausprägungen. Je nachdem, in welcher Lage man sich befindet und wie die bisherigen Erfahrungen waren, bildet sich heraus, welches Bedürfnis wie ausgeprägt ist. Also eine Mutter von drei kleinen Kindern hat vermutlich ein ausgeprägteres Bedürfnis nach Ruhe und Erholung als eine Frau, die keine Kinder hat und sich ihre Zeit völlig frei einteilen kann. Wer in sicheren Familienverhältnissen groß geworden ist und einigermaßen liebevolle und verlässliche Eltern hatte, der hat vermutlich ein geringeres Bedürfnis nach Sicherheit als jemand, der/die mit unsicheren Bindungen groß geworden ist, nie richtig wusste, was als nächstes passiert und gelernt hat, dass es das Beste ist, sich auf sich selbst zu verlassen. Klingt erstmal logisch. Aber wenn man als erwachsener Mensch diese Sicherheit braucht, besteht doch schnell die Gefahr, als bedürftig gesehen zu werden oder sich bedürftig zu fühlen. Denn im Vergleich zu anderen, scheint das Bedürfnis viel ausgeprägter zu sein.

Ich habe kürzlich aber einen schönen Impuls bekommen, der das Bild gerade rückt. So fühlt es sich für mich viel stimmiger an.

Und zwar wurde mir gesagt, dass wir alle die selben Bedürfnisse haben – in der selben Ausprägung. Nur ist es bei den einen erfüllt und bei den anderen nicht. Ein Mensch, der z.B. kein Bedürfnis nach Sicherheit wahrnimmt, verfügt über Strategien, sich dieses Bedürfnis zu erfüllen. Wahrscheinlich sind diese Strategien so selbstverständlich, dass sie gar nicht als solche bemerkt werden. Würden diese Strategien aber aussetzen, zum Beispiel in einer Extremsituation, dann würde dieser Mensch das Bedürfnis genauso wahrnehmen wie jemand, bei dem es permanent präsent ist.

Ich finde das ein sehr schönes Menschenbild. Ein Bedürfnis zu haben bedeutet also nicht bedürftig zu sein. Es ist menschlich. Wir sind alle bedürfnisgetriebene Wesen.

Der Unterschied zwischen Bedürftigkeit und Bedürfnis

Wie kommt man nun raus aus dem Zustand der Bedürftigkeit, der sich ja sehr unschön anfühlt, weil man so abhängig davon ist, dass man sein Bedürfnis erfüllt bekommt, anstatt selbst dafür sorgen zu können, einen Weg zu finden?

Dazu erst mal eine Erklärung: Es gibt einen ganz wesentlichen Unterschied zwischen dem Bedürfnis und Weg, wie wir uns dieses Bedürfnis erfüllen wollen, also der Strategie.

Wir neigen dazu, uns unsere Bedürfnisse von den uns nahestehenden Personen erfüllen lassen zu wollen. Das liegt ja auch nahe, denn die sind am ehesten präsent, verbringen viel Zeit mit uns und sind uns im Idealfall wohl gesonnen. Wir haben also Lieblingsmenschen und Lieblingsstrategien, wie wir uns diese Bedürfnisse  erfüllen lassen.

Wir wollen zum Beispiel von unserem Partner, dass er uns aufmerksam zuhört. Oder von den Kindern, dass sie ihr Zimmer aufräumen und den Geschirrspüler ausräumen. Vielleicht möchtest du häufiger liebevoll berührt und in den Arm genommen werden (Achtung, Vorurteil: Bei Männern würde hier vermutlich „mehr Sex haben“ stehen 😀 ). Gerade bei diesem Thema kommen schnell kindliche Verletzungen ins Spiel, wenn wir das nicht bekommen.

Doch das alles sind die Strategien. Dahinter liegen die Bedürfnisse. Worum geht es dir, wenn du möchtest, dass dein Partner dir aufmerksam zu hört? Vielleicht wünscht du dir Verbindung oder Unterstützung?

Was erfüllt sich für dich, wenn du zärtlich berührt und in den Arm genommen wirst? Geht es dir um Nähe? Oder ist es vielleicht eher ein Ausdruck von Wertschätzung?

Und was gibt es dir, wenn dein Kind das Zimmer aufräumt? Es entspricht vermutlich deinem Bild von Ordnung. So ist das jedenfalls bei mir. Aber das ist kein Bedürfnis. Dahinter steckt etwas, was wir alle in uns tragen. Und Ordnung ist das nicht, das können uns alle Kinder bestätigen, die ja eine ganz andere Vorstellung von Ordnung haben. Bist du vielleicht weniger besorgt darüber, ob es sich in Zukunft gut um sich kümmern wird, wenn du siehst, dass es mit dem Aufräumen klappt? Nur eine Idee. Was dahinter steckt, ist bei jedem anders.

Ich hoffe, der Unterschied zwischen dem Bedürfnis und dem Weg zur Erfüllung des Bedürfnisses ist deutlich geworden. Theoretisch können wir uns dieses Bedürfnis auch auf einem anderen Weg erfüllen. Aber wie schon geschrieben, wir hängen an unseren Lieblingsstrategien, weil sie so naheliegend sind.

Doch wenn ich mir darüber bewusst werde, worum es mir eigentlich geht, dann bekomme ich etwas ganz Wundervolles. Nämlich die Freiheit, eine andere Strategie zu wählen.

Vielleicht ist der Partner gerade nicht in der Lage aufmerksam zuzuhören. Evtl. hatte er einen harten Tag, er wurde von seinem Chef ungerecht behandelt, steht unter Termindruck oder was auch immer. Hängst du an der Strategie, dir dein Bedürfnis nach Verbindung durch ihn erfüllen zu lassen, dann wirst du vermutlich ziemlich frustriert sein, wenn du das nicht bekommen kannst. Okay, ein Abend, das kann man verkraften. Aber nach zwei, drei Tagen bist echt gefrustet. Wie schön zu wissen, dass es eigentlich um Verbindung geht und du dir dieses Bedürfnis auch erfüllen kannst, wenn du dich mit deiner besten Freundin triffst. Es ist vielleicht nicht genau das, was du dir gewünscht hast, aber es stillt den Hunger in dir und hilft dir, weiterhin Verständnis für deinen Partner aufzubringen.

Ich denke, solche Defizite in Beziehungen kann man nicht ewig (aus)halten, wenn man in den Mangel kommt. Aber zumindest ist die innere Haltung eine andere, wenn man weiß, dass man auch noch andere Möglichkeiten hat. Wer einmal in einem extremen Ungleichgewicht in einer Beziehung gelandet ist und sich seinem Partner oder seiner Partnerin hilflos ausgeliefert gefühlt hat, kann sich vielleicht vorstellen, dass es eine große Erleichterung ist, wieder in die Handlungsfähigkeit zu kommen.

Um aus der Bedürftigkeit in das (erfüllte) Bedürfnis zu kommen, ist es also wichtig sich bewusst zu machen, um was es geht. Was für ein Bedürfnis hinter der konkreten Vorstellung steckt, wie etwas sein soll. Von hier aus kann wieder in die andere Richtung gedacht werden. Welche Wege könnte es noch geben, mir dieses Bedürfnis zu erfüllen? Es gibt so viele Menschen, so viele Möglichkeiten, wie wir uns unsere Bedürfnisse erfüllen können. Kreativität ist gefragt :o)

Sein Bedürfnis an eine bestimmte Strategie oder einen Menschen zu koppeln bedeutet, sich davon abhängig zu machen.

Der Unterschied zwischen bedürftig sein und einem Bedürfnis haben, ist für mich vor allem eine Frage des Umgangs damit. „Bedürftig“ ist eine Bewertung, in der mitschwingt, nicht okay zu sein mit dem Bedürfnis. Ich finde das überhaupt nicht hilfreich, denn es ist eine lähmende Energie. Sich (und andere) so zu sehen macht klein.
Sich zuzugestehen, ein Bedürfnis zu haben, ist dagegen erst mal nur eine Feststellung. Eine erhellende Erkenntnis. „Aha, darum geht es mir gerade. Also gut, dann schaue ich, wie ich das bekommen kann.“. Die Bedürftigkeit entsteht erst dann, wenn ich denke, dass ich jemanden oder etwas konkretes dazu brauche, mich also abhängig davon mache.

Wenn du schon mehr von mir gelesen hast, dann weißt du, dass ich viel mit der Gewaltfreien Kommunikation arbeite. Ich liebe sie so sehr, weil es dort so etwas wie allgemeingültige Bewertungen und das Konzept von Schuld keine Rolle spielen. Es ist so gängig in unserer Gesellschaft, dass wir es nicht anders gewohnt sind. Aber wer mal in den Genuss gekommen ist, frei davon gesehen zu werden, was bedeutet, wirklich gesehen zu werden, der möchte mehr davon.
Also wenn du solche Gedanken über dich oder andere hast, bedürftig zu sein, dann lade ich dich ein, dieses Urteil von “das ist nicht okay“ beiseite zu packen und anzuerkennen, dass da ein Bedürfnis gerade im Mangel ist. Ein Bedürfnis, dass jeder Mensch in sich trägt.

Im Bedürfnis baden

Es gibt eine schöne Übung (von Robert Gonzales), die auf mehreren Ebenen hilfreich ist, um ins erfüllte Bedürfnis zu kommen. Ich habe sie als „Im Bedürfnis baden“ kennen gelernt.

Wir verfügen ja über ein großartiges Gehirn, dass in der Lage ist, sich alles mögliche vorzustellen. Wir nutzen diese Fähigkeit häufig, um in der Zukunft oder Gegenwart unterwegs zu sein und an Dinge zu denken, die uns unangenehm sind. Du kennst das sicherlich, dass du es schaffen kannst, körperlich unruhig zu werden und ein mulmiges Gefühl im Bauch zu bekommen, in dem du an etwas denkst, wovor du Angst hast.

Der Grund dafür ist, das Gehirn nicht zwischen Realität und Vorstellung unterscheiden kann. Dein Körper reagiert also fast so, als würdest du das wirklich erleben.

Das Schöne ist, dass das auch anders herum funktioniert. Du kannst dir wunderbare Dinge vorstellen und wirst ebenso entsprechend wunderbare Gefühle dazu entwickeln. Und diesen Effekt nutzen wir in der Übung des erfüllten Bedürfnis.

Dazu stellst du dir eine Situation vor, in der dein Bedürfnis erfüllt gewesen ist. Wenn dir keine Situation einfällt, dann lasse deiner Fantasie freien Lauf und erschaffe so eine Situation in deinen Gedanken. Lass sie so richtig lebendig werden, steigere dich rein, so dass dein ganzer Körper anfängt zu reagieren.

Dadurch entstehen in deinem Gehirn neue Verbindungen, als würdest du gerade in der physischen Welt diese gute Erfahrung machen. Es werden entsprechende Hormone ausgeschüttet und dein ganzes System wird auf diese erfüllte Bedürfnis-Energie gepolt.

Und mit dieser Energie ist es dann natürlich auch viel leichter, in die Welt zu gehen. Denn du bist nicht mehr bedürftig, wenn du gelernt hast, diese Fülle in dir zu finden.

Für mich kann diese Übung nicht alle Erfahrungen im Außen ersetzen. Wenn ich ein Bedürfnis nach Gemeinschaft habe, dann möchte ich das mit anderen Menschen erleben und nicht nur in meinem Kopf. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich offen bin für andere Menschen und dass ich erfüllt genug bin, um auch anderen die Freiheit lassen zu können, auf mich zugehen zu können, ist natürlich wesentlich größer.

Übung macht den Meister

Sicherlich klappt das mal besser mal schlechter (je nach Befinden) und ist auf jeden Fall auch eine Frage der Übung. Wir sind es ja eher gewohnt, auf unsere Umwelt zu reagieren und nicht umgekehrt. Aber probiere es doch mal aus. Es ist wirklich beeindruckend, wie gut man sich fühlen kann, ohne dass im Außen etwas passiert. Ich mache das fast täglich, wenn auch nur für wenige Minuten.

Ich würde mich freuen, wenn du mir von deinen Erfahrungen in den Kommentaren berichtest!

Alles Liebe,
Bela

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