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Gewaltfreie Kommunikation – Die Kunst, Beobachtung und Bewertung zu trennen

Wie ich in meinem Startartikel dieser Serie bereits beschrieben habe, besteht die Gewaltfreie Kommunikation im Kern aus den 4 Schritten:

Beobachtung – Gefühl – Bedürfnis – Bitte

In diesem Artikel geht es um den ersten Schritt, die Beobachtung. Am Ende wirst Du wissen, wie Dir dieser Schritt hilft, Dich so auszudrücken, dass Du einen Raum dafür schaffst, dass Deine Bedürfnisse erfüllt werden können.


Tisch mit Flaschen und Essensresten

Stell Dir folgendes Szenario vor: Du hattest eine anstrengende Arbeitswoche und am Wochenende warst Du auch noch auf einem Seminar, dass Dir dein Arbeitgeber nahegelegt hatte. Sonntag Abend gegen 17 Uhr kommst Du völlig kaputt nach Hause. Auf dem Weg in die Küche siehst Du, dass Dein Mann auf dem Sofa schläft. Du kommst in die Küche und siehst das: Essensreste, Flaschen, Alkohol.

Du bist sofort auf 180 und siehst schon Deine ersehnte Ruhe schwinden. Du hast Dich auf einen gemütlichen, gemeinsamen Abend gefreut, Füße hochlegen, ausruhen, die Zweisamkeit genießen. Schließlich habt ihr Euch die ganze Woche kaum gesehen und das Seminar war ziemlich herausfordernd für Dich. Du hättest Dich gefreut, wenn Dein Mann Dich mit einem leckeren Essen in Empfang genommen und Dich fest in den Arm genommen hätte. Stattdessen pennt er auf dem Sofa und hinterlässt das Chaos in der Küche. Wahrscheinlich hatte er wieder seine Kumpels da gehabt, bis in die Nacht gefeiert und getrunken. Typisch.

Ziemlich sauer stapfst Du ins Wohnzimmer, weckst ihn unsanft und legst los: „Was ist denn in der Küche passiert? Habt Ihr hier ne Party gefeiert?“. Noch bevor Dein Mann antworten kann machst Du weiter: „Ihr hättet ja wenigstens mal die Reste wegräumen können. Soll ich das jetzt vielleicht machen?“ Dein Mann, völlig überrumpelt, aus dem Schlaf geweckt ranzt zurück: „Entspann dich mal. Ist doch nicht so schlimm.“ „Ich würde mich ja gerne entspannen. Nichts lieber als das! Aber da Du ja zu faul warst, Dein Chaos zu beseitigen, geht das wohl schlecht. Schön, wenn Du dabei in aller Seelenruhe schlafen kannst. Hast wohl zu viel getrunken. Wann hattest Du denn vor das wegzumachen?“ „Ich mach das gleich. Stress mal nicht so. Ich bin gerade aufgewacht“ „Wenn Du Deinen Scheiß nicht immer liegen lassen würdest, dann würde ich auch nicht so stressen!“ „Was willst Du eigentlich von mir?“ (BREAK)


Den Rest kannst Du Dir selbst ausmalen. Die Situation eskaliert, es wird laut, alte Kamellen kommen auf den Tisch. So oder so ähnlich laufen Streitgespräche häufig ab.

Die Ursachen für Streit

Vielleicht kennst Du diese Art von Auseinandersetzungen. Eigentlich wünscht Du Dir, dass Deine Bedürfnisse gesehen und gehört werden. Aber in nur wenigen Sekunden scheint das unerreichbar. Was ist hier schief gelaufen?

In diesen Aussagen stecken einige Dinge, die nicht besonders hilfreich sind, wenn Du erreichen willst, dass Deine Bedürfnisse erfüllt werden. Und nicht nur das. Es gibt ein paar Kommunikationsarten, mit denen Du ziemlich sicher dafür sorgst, dass Dein Gesprächspartner dicht macht oder sich rechtfertigt und verteidigt. Daraus entsteht dann schnell ein handfester Streit.

Vermeide also folgende Formulierungen:

  • Vorwürfe („Ihr hättet ja wenigstens mal die Reste wegräumen können.“)
  • Interpretation („Schön, wenn Du dabei in aller Seelenruhe schlafen kannst.“)
  • Be- und Verurteilung, Bewertung („Aber da Du ja zu faul warst, Dein Chaos zu beseitigen, geht das wohl schlecht.“)
  • Verallgemeinerungen („Wenn Du Deinen Scheiß nicht immer liegen lassen würdest…“)
  • Unklarheiten („Was ist denn in der Küche passiert?“)
  • Diagnosen, Analysen („Hast wohl zu viel getrunken.“)

In diesem und den 3 kommenden Artikeln (Gefühl, Bedürfnis, Bitte) werde ich diese Situation mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation zu einem positiven Ende führen.

Beobachtung und Bewertung trennen: So schaffst Du den Rahmen dafür, dass Deine Bedürfnisse erfüllt werden

Wenn Du die Wahrscheinlichkeit erhöhen möchtest, mit Deinem Anliegen gehört zu werden, dann erschaffe zunächst einen Rahmen, in dem das auch stattfinden kann. Das ist möglich, indem Du Euren gemeinsamen Nenner findest. Die Ebene, auf der Ihr Euch noch einig sein könnt. Die sachliche Ebene: Zahlen, Daten, Fakten  („Es stehen Flaschen, Essensreste und Geschirr auf dem Tisch.“). So kann Dein Gegenüber offen bleiben, denn gegen die Fakten ist nichts einzuwenden, darüber streitet man eigentlich kaum. Kritisch wird es erst, wenn wir die Fakten bewerten, denn Bewertungen sind sehr subjektiv. Deswegen macht es auch gar keine Sinn, darüber zu streiten. Drückst Du Deine Bewertung also so aus, dass klar wird, dass dies nur Deine Bewertung ist, die bei Dir zu bestimmten Reaktionen führt (Du übernimmst so die Verantwortung dafür), wird Dein Gesprächspartner es viel leichter haben, offen zu bleiben und Deine Aussage nicht als Kritik oder Vorwurf hören.

Bei der Beobachtung geht es nicht darum, keine Bewertung der Situation mehr wahrzunehmen. Das ist unserem Gehirn kaum möglich. Wichtig ist aber, die Bewertung von der Beobachtung zu trennen.

 

Lösungssätze

  • Aus „Was ist denn in der Küche passiert? Habt Ihr hier ne Party gefeiert?“ könnte also werden:
    „Der Küchentisch steht voll mit Flaschen und Geschirr. Habt ihr eine Party gefeiert?“
  • Aus dem Satz „Aber da du ja zu faul warst, dein Chaos zu beseitigen, geht das wohl schlecht.“ könnte werden:
    „Ich empfinde es als faul, dass du im Bett liegst und schläfst während die Sachen noch auf dem Küchentisch stehen.“

Kannst Du den Unterschied wahrnehmen?

Im nächsten Schritt geht es dann damit weiter, die Gefühle zu beschreiben, die diese Situation auslöst. Da Du durch diesen ersten Schritt eine gemeinsame Ebene geschaffen hast, wir Dein Gesprächspartner sich wahrscheinlich nicht oder zumindest weniger schuldig dafür fühlen und bleibt weiterhin offen, dann auch Dein dahinter liegendes Bedürfnis zu hören.

Gelassenheit und innere Freiheit

Um Dich so genau mitteilen zu können, ist es notwendig, dass Du gut in Dich hineinhorchst. Du darfst selbst erstmal verstehen, was genau Dich eigentlich stört. Nur dann kannst Du auch es auch konkret benennen. Das klappt meist nicht von heute auf morgen. Dafür haben wir zu lange Jahre ein anderes Kommunikationsverhalten antrainiert. Aber wenn Du damit anfängst und bewusst darauf achtest, wird es Dir mit der Zeit immer leichter fallen. Du erkennst immer besser den Unterschied zwischen der reinen Situation und Deiner Reaktion darauf. Alleine dieser Schritt ist wahnsinnig hilfreich, für die innere Gelassenheit.
Unsere Gefühle sind nämlich fast immer die Reaktion auf unsere Bewertung einer Situation. Wenn Du lernst, die Bewertung mit etwas Abstand zu betrachten, dann wirst Du auch nicht mehr sofort mit einem Gefühl reagieren. Du bekommst einen kleinen Moment Zeit, so dass Du Dich mit etwas Übung entschieden kannst, ob Du die Situation wirklich so oder lieber anders bewerten willst. Dementsprechend kannst Du damit auch Deine Gefühlsreaktion beeinflussen. Welch Freiheit!

Du kannst entscheiden, welcher Ebene Du mehr Raum geben möchtest

Ich erlebe es so, dass nicht nur die unbewusste Reaktion sondern auch das Bedürfnis, Dinge zu beurteilen mit der Zeit abnimmt. Das ist eine Eigenschaft, die unserer linken Gehirnhälfte zu geordnet ist: Bewerten, Vergleichen, einsortieren, Ich -Bewusstsein. Beim Beobachten geht es eher darum, die Gesamtsituation zu erfassen. Wahrzunehmen, was jetzt gerade lebendig ist, das All-eins spüren. Das ist eher der rechten Gehirnhälfte zugeordnet.
Nicht umsonst haben wir beide Fähigkeiten in uns und es geht für mich nicht darum, eine der Ebenen zu eleminieren. Du kannst in die Bewertung gehen, sie existiert noch in Dir. Aber Du kannst auch Deinen Fokus auch auf einen anderen Aspekt der Situation legen. Auf das Wahrnehmen des Hier und Jetzt. Du hast die Wahl.
Das ist übrigens das, was auch in der Meditation passiert. Du kommst in eine Beobachterrolle. Daher führt aus meinem Erleben die Übung dieses ersten Schritts auch zu einem Erkennen des Egos.

Damit Du das ganze ausprobieren kannst, habe ich eine kleine Übung für Dich:

  1. Denke an eine Situation, in der Du Dich geärgert hast, in einen Streit verwickelt warst oder ähnliches.
  2. Schreibe die Situation so auf, wie Du sie auch bisher erzählt hättest, also auf die herkömmliche Art.
  3. Dann schau Dir das Geschriebene noch mal unter folgenden Aspekten an und formuliere bei Bedarf um.
  • Stecken Vorwürfe in Deinen Aussagen?
  • Sind die Dinge objektiv so passiert oder hast Du etwas interpretiert
  • Gibt es Bewertungen oder Beurteilungen in Deinen Aussagen?
  • Hast Du die Situation konkret beschrieben?
  • Worum genau geht es?

Wie geht es Dir damit? Fällt es Dir leicht oder eher schwer? Wenn Du Lust hast und Feedback haben möchtest, kannst du mir Deine Situation und die neue Formulierung gerne in den Kommentar schreiben oder per E-Mail schicken.


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