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Konflikte friedlich lösen

Zuhören sollte doch so einfach sein. Schließlich haben wir zwei Ohren und wenn wir nicht gerade ein physisches Problem damit haben, sind die Voraussetzungen erfüllt. Oder nicht? Leider nein. Zwischen Hören und Zuhören gibt es einen entscheidenden Unterschied und der befindet sich zwischen den Ohren: unser Gehirn, bzw. die Fähigkeiten, die dort zu finden sind. Oder eben auch nicht.

Vielleicht hast du den Unterscheid schon erlebt. Manchen Menschen erzählst du etwas, was dir wichtig ist, zum Beispiel, dass es dir mit etwas nicht so gut geht, und mit nur wenigen Worten schafft es dein Gegenüber, dass du entweder keine Lust mehr hast weiterzuerzählen oder dich noch schlechter fühlst als vorher. Oder aber, die Situation artet aus und es gibt einen Streit, bei dem jeder seine Position verteidigt.

Bei anderen Menschen dagegen merkst du, wie sich in dir etwas entspannt und du dich ermutigt fühlst, weiterzuerzählen. Du fühlst dich gesehen mit dem, was in dir ist, hast das Gefühl, dass es okay ist, darüber zu reden. Selbst, wenn es dir gerade nicht so gut geht, weil die Dinge sich nicht ändern lassen, kann es sein, dass nur durch das Zuhören deine Welt wieder schöner wird.

Was ist hier anders?

Während Person A den Raum für das Gespräch (bzw. für das, um was es wirklich geht) ob bewusst oder unbewusst zu macht, öffnet Person B diesen Raum und lässt das Gespräch zu. Im ersten Fall wird maximal um das Thema gestritten, während im zweiten Fall eine Klärung stattfinden kann. Statt wie im ersten Fall gegeneinander zu sein, wird im zweiten Fall miteinander geredet.

Das ist natürlich die ideale Form und ich gebe zu, in der Praxis nicht immer so einfach möglich. Es bedarf gewisser Fähigkeiten und auch einer bestimmten Haltung, sich so auseinanderzusetzen und manchmal ist das aus Gründen, auf die ich gleich noch eingehe, vielleicht auch manchmal nicht oder nur schwer möglich. Aber wir müssen ja auch nicht nur in schwarz oder weiß leben. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es Zwischentöne und allein für diese lohnt es sich, die Kunst des empathischen Zuhörens zu trainieren.

Mit dem Kämpfen aufhören

Es liegt wohl in der Natur eines Konfliktes, dass wir schnell anfangen unsere Position zu verteidigen. Zwei Fronten mit unterschiedlichen Ansichten prallen aufeinander. Wer es nicht anders gewohnt ist, wird hier schnell in ein „Gegeneinander“ landen und sich dafür stark machen, dass das eigene Terrain nicht in Gefahr gerät.

Das gilt übrigens auch für die Menschen, die den nach außen getragenen Konflikt scheuen und sich stattdessen zurückziehen. Man kann auch im stillen Kämmerlein kämpfen 🙂

Wie wäre es denn, statt eines Vorwurfs oder einer Beschuldigung, gegen die es sich zu verteidigen gilt, einen Bedarf herauszuhören? Ich gebe zu, manchmal ist der Ton, mit dem die Dinge herangetragen werden so scharf, dass es schwierig ist, ihn zu ignorieren. Aber mit etwas Übung, kann selbst das gelingen. Also stell dir vor, jemand sagt zu dir „Das ist unmöglich, wie du dich verhältst.“ Du kannst jetzt natürlich auf die Barrikaden gehen, dich verteidigen, weil du dich im Recht fühlst. Dann geratet ihr aneinander, diskutiert darüber, ob das nun ok ist oder nicht. Aber bringt euch das weiter? Sicherlich nicht. Der Streit ist vorprogrammiert. Und entweder, ihr geht am Ende getrennte Wege oder einer gibt irgendwann nach und hat „verloren“. Völlig unbefriedigend und sinnlos. Doch wie kann die Alternative aussehen?

„Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns.“

Die Haltung

Es beginnt für mich damit, einen anderen Blick auf die Menschen um mich zu haben. Ich kann es so sehen, dass jemand so etwas zu mir sagt, um mich zu kritisieren oder um mich verändern zu wollen. Ich kann es aber auch als Einladung sehen, unsere Beziehung zu verbessern. Wenn jemand zu mir sagt „Das ist unmöglich, wie du dich verhältst.“, dann kann das auch bedeuten „Hier passiert gerade etwas, womit ich mich nicht wohl fühle. Du bist mir wichtig und ich möchte mit dir friedlich zusammen sein. Können wir gemeinsam nach einer Lösung suchen, wie das aussehen kann.“. Das wird so vielleicht kaum jemand im Kopf haben, sonst würde man es in dem Moment ja so sagen können. Aber besonders in engen Beziehungen kann man doch davon ausgehen, dass das die Beweggründe sind. Wäre es nicht schön, wenn wir grundsätzlich mit verständnisvollen Ohren hören würde, anstatt immer gleich Vorwurf oder Angriff zu erwarten? Für mich ist diese Haltung der entscheidende Punkt. Selbst, wenn es nicht immer gelingt, aufeinander zuzugehen, respektvoll oder auch empathisch zu bleiben, hilft es doch, wenn grundsätzlich beide Seiten daran interessiert sind, einander so zu begegnen.

Gemeinsam forschen

Wenn du mit diesem Blick auf den Menschen schaust, dann wird es dir viel leichter fallen, hinter den Worten „Das ist unmöglich, wie du dich verhältst.“ die eigentliche Botschaft zu verstehen. Und dann kannst du diesem Menschen helfen, zu verstehen, worum es ihm eigentlich geht. Du kannst fragen, ob er/sie zum Beispiel ärgerlich ist, vielleicht weil die Achtsamkeit oder das Verständnis gefehlt hat. Das schöne ist, dass wir, wenn wir so etwas angeboten bekommen, spüren, ob es stimmt oder nicht. Und wenn nicht, dann wird eben weitergeforscht. So ist es möglich, an den Kern der Sache zu kommen.

Richtig und falsch vergessen

Was ich beobachte ist, dass es meistens darum geht, dass die Wahrnehmung des anderen als falsch angesehen wird und widerlegt werden muss. Was auch logisch ist, da ja die eigene Sicht immer richtig und scheinbar allgemeingültig ist (ach ja, die Beschränktheit unseres Gehirns…) Diese Wahrnehmung von richtig und falsch ist etwas, das in solchen Situationen gerne hintenangestellt werden darf. Wenn das gelingt, ist der Raum dafür offen, die Welt des anderen zu verstehen. Dann braucht nicht mehr darum gekämpft zu werden, wer recht hat. Denn darum geht es doch nicht, oder? Um´s Recht haben. Es geht um Klärung und darum, wieder zusammen zu kommen. Darum, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, die beiden Seiten gerecht wird.

Je mehr ich in der Lage bin, mich in die Wahrnehmung des anderen einzufühlen, umso leichter wird es, wieder in die Verbindung zu kommen. Und hier kommen wir auch an den Punkt, warum das häufig nicht funktioniert.

Wie Empathie verhindert wird

Sich in die Welt des anderen einzufühlen, bedeutet immer auch, mit den eigenen Gefühlen in den Kontakt zu kommen. Wenn ich aber beim anderen Gefühle wahrnehme, die ich selbst in mir trage und die ich irgendwann mal unterdrückt anstatt verarbeitet habe, dann kann ich an diesen Gefühlen des anderen nicht wirklich Anteil nehmen. Diese Gefühle werden dann in mir aktiviert und entweder sie überrollen und überfordern mich erneut oder aber ich drücke sie sofort wieder weg, was dazu führt, dass ich sie auch beim anderen wegmachen muss. Das ist der Moment, in dem wir so was schönes sagen wie „Das wird schon wieder.“ „Ist doch nicht so schlimm.“ etc. Um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, ist es dann also leichter, sich abzugrenzen. Verständlich aber fatal wie ich finde. Natürlich hat jeder Mensch die Wahl, ob er sich mit seinem Schmerz auseinandersetzen will oder nicht, aber ich stelle immer mehr fest, dass das einer der Gründe dafür ist, warum unsere Welt so ist, wie sie ist. Warum es so viel Streit und Krieg gibt. Warum Menschen so wenig miteinander sind und so wenig Verständnis füreinander aufbringen können.

Es kann natürlich immer passieren, dass man in die Situation gerät, nicht empathisch sein zu können. Aber mit dem Bewusstsein darüber wäre es dennoch möglich, zu sagen, mich überfordert das gerade und ich kann dir nicht geben, was du da brauchst.

Wieso manche Menschen nicht zuhören können

Schuldgefühle

Es ist also oft der eigene Schmerz, der verhindert, dass wir anderen Menschen nicht wirklich zuhören können. Daneben gibt es aber noch einen Zuhörkiller: Schuldgefühle. Offensichtlich stecken viele Menschen sehr voll damit. Und klar, wer will schon Schuld daran sein, dass es jemand anderen schlecht geht. Aber wie kommt man überhaupt auf den Gedanken, Schuld an den Gefühlen des anderen zu sein? Ich bin ein großer Fan von Verantwortung. Wenn ich etwas tue, was beim anderen ein Gefühl auslöst, dann bin ich natürlich verantwortlich für meine Handlung. Aber ich bin nicht verantwortlich und schon gar nicht schuldig dafür, wie der andere sich fühlt. Wie könnte ich? Gefühle sind absolut subjektiv, auch wenn in vergleichbaren Situationen Menschen ähnlich fühlen. Wenn ich mir das bewusst mache, dann springt bei mir auch nicht gleich der Verteidigungsmechanismus an, wenn mich jemand mit den eigenen Gefühlen konfrontiert. Dann kann ich hören, dass meine Handlung bei jemandem etwas Unangenehmes ausgelöst hat. Ansonsten kann es passieren, dass nicht nur die Schuldgefühle aus der aktuellen Situation sondern gleich noch alle unbewussten Schuldgefühle, die sich im Laufe eines (Kinder)lebens so ansammeln nach oben drängen.

Das war´s dann mit dem Zuhören.

Mangelndes Selbstbewusstsein

Ein weiterer Zuhörkiller ist mangelndes Selbstbewusstsein. Wenn ich mich sowieso schon minderwertig fühle, dann ist es natürlich schwer, von außen auch noch etwas zuhören, was mich noch schlechter dastehen lässt. Anstatt die Information neutral entgegen zu nehmen, wird dann ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit gehört. Nicht unbedingt, weil es wirklich ein Angriff ist, sondern, weil man sowieso schon davon überzeugt ist, nicht in Ordnung zu sein. Es ist also eine Projektion des eigenen mangelnden Selbstwertgefühls, dass häufig dazu führt, in die Verteidigung zu gehen, anstatt dem anderen zuzuhören. Sich auch mal Fehler eingestehen zu können, zugeben zu können, etwas getan zu haben, dass vielleicht nicht in Ordnung war, erfordert schon ein gesundes Selbstbewusstsein oder zumindest eine reflektierte Haltung gegenüber dem eigenen Verhalten.

Egozentrik

Last but not least leben wir hier in einer ziemlich verstandesorientierten Gesellschaft. Diese Identifikation mit dem eigenen Denken macht es schwer, sich in die Welt eines anderen hineinzuversetzen. Dazu muss man in der Lage sein, einen Schritt zurück zu machen und neben der eigenen Wahrnehmung noch eine andere Realität zulassen. Uijuijuijuijui. Da kann das eigene System schon mal ins Wanken geraten. Das macht Angst, wird doch das Konstrukt bedroht, in dem man sich sein Leben so zurechtgeruckelt hat, dass es möglichst leicht und angenehm zu leben ist. Diese Ichbezogenheit kann ebenfalls verhindern, beim anderen sein zu können.

Zusammengefasst kann man also sagen, die Kunst besteht darin

  • dem anderen wirklich zuzuhören und trotz eigener aufwallender Emotionen ausreden zu lassen.
  • Raum zu geben und nicht zu verurteilen, was gesagt wird
  • das Gesagte nicht persönlich zu nehmen, sondern die Botschaft hinter den Worten zu verstehen.
  • dem anderen empathisch zu begegnen (Gefühle, Bedürfnisse verstehen), auch wenn man die Informationen nicht nachvollziehen kann, weil man anders tickt.
  • dem Verteidigungsimpuls nicht nachzugeben.

Und was hat das alles nun mit unserem Gehirn zu tun?

Unser Gehirn ist letztendlich darauf getrimmt, unser Überleben zu sichern. Dazu hat es gewisse Programme am Laufen. Außerdem ist es darauf aus, möglichst effizient zu arbeiten, da es recht viel Energie verbraucht. Es gibt sicherlich noch einige andere Punkte, die dazu führen, dass wir in Konfliktsituationen häufig reagieren wie oben beschrieben. Hier aber ein paar Funktionsweisen.

  • Schubladendenken: Äußere Eindrücke werden mit gemachten Erfahrungen abgeglichen. Gibt es so was schon? Dann wird auf Bestehendes zurückgegriffen. Das verbraucht weniger Energie, führt aber unter Umständen dazu, dass nicht auf das Hier und Jetzt eingegangen wird, sondern sich „ein alter Film abspult“.
  • Die Gehirnareale: Bei Stress rutschen wir ab. Von den höheren Denkregionen, in denen Empathie noch möglich ist, hinein in das limbische System, dass emotional gesteuert ist, bin hin zum Reptiliengehirn, wo es um das eigene Überleben geht. Verständlich, dass von hier nicht viel Miteinander zu erwarten ist.
  • Negativ geht vor: Ebenfalls ein Überlebensschutz. Der Fokus des Gehirns geht auf das Negative/Bedrohliche, weil von hier die größere Gefahr droht. Evolutionär gesehen hilfreich, im Zwischenmenschlichen aber eher eine Verschiebung der Realität.

Unser Gehirn macht es uns also nicht ganz leicht. Aber mit ein wenig Bewusstheit lässt sich das machen.

Kann man das lernen?

Ja! Natürlich, denn es ist eine Frage der Übung. Unser Gehirn und auch unser Verhalten sind ein Leben lang änderbar. Dafür braucht es „nur“ die Bereitschaft, sich aus den bekannten Gefilden herauszuwagen. Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht irgendwo eine Situation auftritt, die zum Üben einlädt, sich auf den anderen einzustellen, präsent zu bleiben und das eigene Denken und Fühlen zu hinterfragen. Ob in der Straßenbahn, im Supermarkt oder natürlich in Beziehungen. Wobei letzteres die größte Herausforderung ist, denn hier sind wir am emotionalsten.

5 Tipps, um das empathische Zuhören zu lernen

  • Achtsamkeit ist die Voraussetzung, um überhaupt erst mal die Momente mitzubekommen, in denen etwas anders gemacht werden könnte.
  • Anstatt in Verteidigung und Kampf zu geraten ist eine grundsätzliche Haltung von Verständnis füreinander hilfreich
  • Stress reduzieren ist wichtig, damit die beschriebenen Mechanismen im Gehirn weniger schnell anspringen.
  • Regelmäßige Meditation hilft, den inneren Beobachter zu trainieren und sich so weniger mit den eigenen Gefühlen und Gedanken zu identifizieren
  • Es gibt in den meisten Städten Übungsgruppen für die „Gewaltfreie Kommunikation“. Dort kann man ganz wunderbar unter angenehmen Voraussetzungen Empathie und das aktive Zuhören trainieren.

So viele Konflikte könnten verhindert oder auf ein minimales Ausmaß reduziert werden, wenn wir einander besser zuhören würden. Und mal abgesehen davon, dass man sich selbst viel besser fühlt, wenn man friedliche Lösungen finden kann, wird so auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit gestärkt, was wiederum zu mehr Selbstbewusstsein und einem besseren Selbstwertgefühl führt und weniger anfällig für neue Konfliktsituationen macht.

Frieden beginnt in dir <3

 

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